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Als der Mensch die Zeit erfand

Vortrag von Dr. Henning Toholte in der Alten Post Drensteinfurt am Dienstag, 3. Mai 2016, 19.30 Uhr - Bericht Holger Martsch


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Auf Einladung des Heimatvereins Drensteinfurt referierte Dr. Henning Toholte am Dienstagabend über die Geschichte der Zeitmessung und die Entwicklung der Uhren. Er hat sich diesem Thema als Hobby gewidmet und kümmert sich in seiner Freizeit dem Erhalt und den Betrieb alter Turmuhren, zum Beispiel der von St. Clemens in Telgte.

Die heutige Einteilung der Zeit in zweimal 12 Stunden geht auf die Babylonier zurück. Solch eine Einteilung ist ganz natürlich: Es gibt Sonnenaufgang, Sonnenhöchststand, Sonnenuntergang und Mitternacht. Die Erde braucht 365,25 Tage für eine Umrundung der Sonne, der Mond braucht 28 Tage um die Erde, die Erde dreht sich in 24 Stunden um sich selbst. Früher konnte man sich ja nur daran und an den Sternen orientieren. Aus der Antike sind Sonnen-, Wasser- und Sanduhren bekannt, welche die Zeit jedoch nicht zuverlässig und stetig anzeigten. Doch bereits einhundert Jahre vor Christus gab es eine erstaunliche technologische Entwicklung: Der Mechanismus von Antikythera ist ein mit einer späteren Astronomischen Uhr vergleichbare, geniale Konstruktion aus dem hellenistischen Griechenland. Mit Hilfe vieler Zahnräder und Zifferblätter konnten von ihm wesentlich mehr astronomisch-kalendarische Zusammenhänge angezeigt werden, als es bei entsprechenden Uhren, die es im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit gab, möglich war.

Im 13. Jahrhundert konstruierte man erstmals Räderuhren, die durch eine um einen Balken gewickelte Schnur angetrieben wurden, an deren Ende ein Gewicht hing und die sich mit zunehmender Geschwindigkeit abrollte. Dabei drehte sich das Zifferblatt noch um einen fest stehenden Zeiger. Um diesen Mechanismus regelmäßig in Gang zu halten und dabei gleichzeitig zu bremsen (sonst würde das Werk permanent beschleunigen), war eine Erfindung nötig, über die die Menschen im 14. Jahrhundert viel diskutieren: Mit der Spindelhemmung entstand eine geniale Vorrichtung, bei der die Bewegung unterbrochen und gleichzeitig Energie wieder übertragen wurde. Ebenfalls ab dem 14. Jahrhundert wurden zunehmend öffentliche Uhren in den Städten installiert, deren von einem Schlagwerk verursachtes Läuten weithin gehört werden konnte. Als „Herren der Zeit“ konkurrierten die Mächtigen des Klerus mit den politischen Herrschern. Glockentöne markierten Eckpunkte im Tagesablauf: das Morgengebet (wie heute im Islam), Gottesdienste, Marktzeiten, das letzte Bier im Ausschank. Dabei kamen die Zifferblätter an Turmuhren erst viel später. So sagte man im Mittelalter nicht „es ist zwölf Uhr“, sondern „es ist zwölf Glock“.

Erstaunlich: Früher hatte fast jeder Ort seine „eigene“ Zeit. Mit fortschreitender Beförderungstechnik konnte das allerdings nicht mehr funktionieren. Stundengenaue Fahrpläne für Postkutschen und später minutengenaue Fahrpläne für das neue Verkehrsmittel Eisenbahn waren die Grundlage für einen zuverlässigen, reibungslosen Personentransport. Die Uhrzeit musste synchronisiert werden.

„Gott hat die Zeit erfunden, der Mensch die Uhr,“ sagt man in Afrika. Und wie sehr unser Leben durch den Takt bestimmt ist, den Uhren vorgeben, erfahren, ja erleiden wir tagtäglich. Mit seiner knappen Zeit umzugehen, ist heute bei vielen gar eine Aufgabe des persönlichen Zeitmanagements geworden.

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