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Bild oben: Wolfgang Schemann liest

11.10.2018 - Münsters eigentümliche Geheimsprache Masematte – irgendwie Kult

„Kurantes Anim peest mit de Leetze auffe Nobelstrehle“ (Hübsches Mädchen fährt mit dem Fahrrad über Münsters Prinzipalmarkt)

Referent: Wolfgang Schemann, ehemals Lokalredakteur bei den Westfälischen Nachrichten

Bericht und Foto: Holger Martsch

Drensteinfurt. Wolfgang Schemann, ehemals Lokalredakteur bei den Westfälischen Nachrichten, ist ein muckerer Seeger. Er gestaltete am Mittwochh, 10. Oktober 2018,in der Alten Post einen heiteren Abend zu dem typisch münsterschen Idiom Masematte. Die zahlreich erschienene Zuhörerschaft hatte dabei viel Spaß (hamel Jontev).

Zunächst klärte er darüber auf, wie diese Sprachform eigentlich entstanden ist. Masematte – der Name hat nichts mit irgendeiner Auslegeware zu tun, sondern kommt von hebräisch Masa 'umatán und bedeutet „Verhandlung“, auch „Geschäft“. Im 19. Jahrhundert entwickelte sie sich zur Umgangssprache der Hilfsarbeiter, Viehhändler, Kleinhandwerker und Hausierer in münsterschen Armenvierteln, die heute „soziale Brennpunkte“ heißen würden. Schwerpunkte waren zum Beispiel das Kuhviertel (heute Vergnügungsmeile) und „Klein Muffi“ die Arbeiter-Wohnquartiere zwischen der Wolbecker Straße und dem Hafen. In diesem Milieu hauste so manche zwielichtige Gestalt – Betrüger, Diebe, Hehler, Schläger, Zuhälter, auch ein Bordell hatte sich dort etabliert. Für bestimmte Gassen dieser Gegend (im zweiten Weltkrieg Durch Bomben vernichtet) gab es einen Spruch: „Tasche, Brink und Ribbergasse: Messerstecher erster Klasse“. Warum „Klein Muffi“ so heißt, sei bis heute nicht klar, so Schemann. Entweder wegen des muffigen Geruchs in den Quartieren oder wegen der vielen holländischen Gastarbeiter, die dort während des Hafen- und Kanalbaus wohnten. Sie wurden von den Deutschen als „Muffen“ betitelt.

Viele Bewohner dieser Viertel waren Juden, Sinti und Roma, und sie vermengten das Deutsche mit Vokabeln ihrer eigenen Sprachen – nicht nur, um bei ihrem (nicht immer ganz koscheren) Tun von Fremden nicht verstanden zu werden, sondern auch wegen des besseren Zusammengehörigkeitsgefühls. Knapp 500 Wörter umfasst das Masematte-Vokabular. Viele entstammen dem Rotwelschen oder dem Jiddischen, sind von dort her auch ins Deutsche eingegangen und scheinen daher bekannt: Maloche etwa, meschugge und Mischpoke, labern oder ausbaldowern.

Beispiele: Anim (Mädchen). Seeger (Mann). Lowine (Bier). Schockelamai (Kaffee). Tacko (schnell). Scharett (Bahnhof). Strehle (Straße). Schmusen (sprechen). Rackewele (Sprache). Bendine (Gegend). Maschemau (Donnerwetter!). Laulone (nichts). Als Trägermasse dient ein westfälisch gefärbtes Deutsch voller „auffe“, „kannsse“ und „hömma!“.

Aus der Geheim- ist eine Kultsprache geworden

Wer als Fremder nach Münster kommt, wird unweigerlich mit Masematte-Begriffen konfrontiert. (spätestens dann, wenn er in einer Kaschemme eine Lowine schickert) Er erfährt, dass Leeze oder Knetemann in Münster „Fahrrad“ heißt, dass es in Münster oft meimelt und jovel „prima“ bedeutet. Masematte ist Kult; der in Münster geborene Steffi Stephan, seinerzeit Bassgitarrist von Udo Lindenbergs Panikorchester, benannte dann auch sein Szenelokal „Jovel“. Nach mehreren Umzügen hat es seinen Standort heute am Albersloher Weg, im ehemaligen Autohaus Kiffe, wo einst hamel viele Opel-Wuddis verschachert wurden. Masematte lebt, und findige Zeitgenossen haben neue Begriffe hinzugedichtet: Wuddibeis (Parkhaus), Luftwuddi (Flugzeug), Schotter-Osnik (Parkuhr), Büffelbeis (Universität), Tacko-achile-kabache (Imbiss). Komplizierter wird es beim „Trans-Pani-Murmelbeis“ – der Überwasserkirche. Übersetzung: trans = über, Pani = Wasser, murmeln = beten, Beis = haus.

Wolfgang Schemann hat inzwischen vier Taschenbücher über Masematte veröffentlicht. Darin findet der Leser heitere Geschichten aus dem Alltag, aber auch Übersetzungen heeren literarischen Kulturguts in Masematte, zum Beispiel Goethes „Faust“ oder „Der Erlkönig“. Dabei muss er auf einem schmalen Grad zwischen vielen Masematte-Begriffen und verständlichem Deutsch jonglieren. Das dies gelingt, und auch in Drensteinfurt verstanden wird, zeigte die Reaktion des Publikums, dass sich bei der Rezitation des „Rumpelstilzchen“ geradezu schlapp lachte.