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Bild oben: Günter Neuer und Siegfried Kruppke

Der Beruf des Schriftsetzers

Upkammerabend des Heimatvereins Drensteinfurt mit Siegfried Kruppke und Günter Neuer am 14. November 2018

Referenten: Siegfried Kruppke und Günter Neuer

Bericht: Holger Martsch

„Gott grüß die Kunst“ – diesem Gruß richteten Siegfried Kruppke und Günter Neuer an das zahlreich erschienene Publikum in der Alten Post und leiteten damit ihren Vortrag zum traditionellen Beruf des Schriftsetzers ein. „Wir sind ziemlich nervös“ gestanden beide während eines Gesprächs vor dem Referat. Denn beide hatten noch nie einen Fachvortrag vor einem größeren Publikum gehalten. Seit einiger Zeit im Ruhestand, hatten beide ihren Beruf bei der Drensteinfurter Druckerei Hülskamp erlernt.

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Ein Hauch von Magie haftet dem Buchdrucker- und Schriftsetzergewerbe an, wird es landläufig auch als „schwarze Kunst“ bezeichnet. Das Konterfei des Altmeisters Gutenberg, Symbolfigur der „schwarzen Kunst“ könnte auch das eines großen mittelalterlichen Zauberers sein, mit langem, gespaltenen Bart, einem spitzen Hut und einem mächtigen, pelzbesetzten Mantel. Allerdings ist das ein Produkt der Fantasie, denn es gibt kein richtiges Porträt von ihm. Johannes Gutenberg revolutionierte mit seiner Erfindung, dem Schriftsatz mit beweglichen, wiederverwendbaren Lettern, grundlegend den bis dahin den Eliten vorbehaltenen Schriftgebrauch. Er demokratisierte die Schrifttechnologie; denn von nun an konnten Ideen und Wissen maschinell reproduziert werden, was einen radikalen multidisziplinären Strukturwandel zur Folge hatte, der alle westeuropäischen Zivilisationen innerhalb kürzester Zeit nachhaltig veränderte. Ende der 1990er Jahre wurde Gutenberg vom US-amerikanischen Nachrichtenmagazin TIME zum „Man of the Millennium“ gewählt. Seine Technologie, wie er sie um 1450 erdacht hatte, kam im Prinzip unverändert bis in die 1970er Jahre in der Druckindustrie zur Anwendung. Erst gegen Anfang der 1980er Jahre fassten Foto- und Lichtsatz in den Druckereien und Verlagen Fuß und verdrängten nach und nach die Bleisatz-Technologie. Mit dem Aufkommen des Desktop-Publishing änderte sich wiederum alles. Der Beruf des Schriftsetzers war immer sehr gut angesehen, und derjenige, der ihn ausübte, musste etliche Qualifikationen haben: Bildung und schnelle Stilempfinden, Konzentrationsfähigkeit und schnelle Auffassungsgabe, gestalterische Ambitionen und perfekte Feinmotorik. Entsprechend gut war er auch bezahlt, steigern ließ sich das Einkommen noch durch Akkord- oder Schichtarbeit. Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs, nicht selten hatte ein gelernter Schriftsetzer eine leitende Position in einer Offizin oder einem Verlag.

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Der Fachjargon der Schriftsetzer birgt viele Merkwürdigkeiten, ist für Nicht-Fachleute rätselhaft. Die beiden Referenten verdeutlichten das in einem unterhaltsam aufgeführten Dialog. Eine „Leiche“ beispielsweise ist ein im Satz vergessenes Wort, während ein „Hurenkind“ die letzte Zeile eines Absatzes bedeutet, die fehlerhaft alleine am Anfang einer neuen Kolumne, also am Anfang einer neuen Seite steht. Hurenkinder stören den Lesefluss und gelten als unvorteilhaft für die Ästhetik eines Schriftsatzes.

Wenn wir heute auf dem Computer einen Text in „12 Punkt Times“ schreiben, benutzen wir damit immer noch ein tradiditionelles Maßsystem, den typografischen Punkt, „le Point typografique“, das auf den französischen Typografen Pierre Simon Fournier (1712-1768) zurückgeht. Zwölf Punkte à 0,376 mm ergeben ein Cicero, vier Cicero eine Konkordanz. Auch die Benennung gewisser Schriftgrößen stammt aus dem Französischen, so zum Beispiel „nonpareille“ für einen Schriftgrad von 6 Punkt und „petit“ für einen Schriftgrad von 8 Punkt.

Die beiden altgedienten Setzer hatten auch einen kurzen Film mitgebracht, der das Arbeiten mit traditioneller Satz- und Buchdrucktechnik sehr verständlich vor Augen führte. In diesem Film „Der Schriftsetzer von Nördlingen“ vom bayrischen Rundfunk exklusiv zur Verfügung gestellt, fertigen ein Typograf und ein Buchdrucker eine gestalterisch anspruchsvolle Speisenkarte.

Aus ihren privaten Sammlungen hatte die Referenten zahlreiche Fundstücke wie alte Holzschriften, Setzkästen, Hand- und Maschinensatzbeispiele sowie Klischees wie Autotypien und Strichätzungen mitgebracht. Sie wurden am Schluss der Veranstaltung auch ausgiebig bewundert.